Damit
’s nicht untergeht... Öffentlichkeitsarbeit
und Binnenschifffahrt
„Die
Binnenschifffahrt muss raus aus der Romantik-Ecke“, so lautete
der Tenor bei der Podiumsdiskussion zum Thema
„Binnenschifffahrt und Öffentlichkeit“ (veranstaltet vom
Verein „Frauen in der Binnenschifffahrt“) auf der letzten
Schifffahrtsmesse in Duisburg.
In
der Tat häufen sich TV-Beiträge in Regionalsendern, die immer
wieder das vermeintlich wild-romantische Leben an Bord bemühen
und Binnenschiffer zu den letzten Abenteurern – wenn auch
nicht auf hoher See – so doch auf ebenso „mythologisierten
Wassern“ wie Rhein
oder Donau
stilisieren. Dabei wäre es dringend erforderlich, den öffentlichen
Blick mehr auf das Binnenschiff als Verkehrsträger zu
lenken, ohne dessen verstärkte Beteiligung am Modal Split die
Verkehrsprobleme auf den deutschen Strassen in naher wie ferner
Zukunft nicht zu lösen sein werden.
Der Aspekt
der besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen an Bord ist zwar
wesentlicher Bestandteil des Leistungsträgers Binnenschiff und
muss daher immer mit thematisiert werden. Doch die Dominanz der
romantischen Seite in der öffentlichen Repräsentation unterstützt
eher jene Vorurteile, an denen die Binnenschifffahrt
- immer noch - krankt: Altmodisch, langsam und unflexibel
sei sie und daher den modernen Marktanforderungen nicht
gewachsen. Als Verkehrsträger im Vergleich zu Straße und
Schiene werden Binnenschifffahrts-Unternehmen nicht ernst
genommen. Das Binnenschiff als eine der ältesten Transportlösungen
überhaupt wird damit zum Stiefkind der Logistik degradiert.
Dass es in der Berichterstattung der Publikumsmedien wie in
Tageszeitungen und den Regionalsendern
„menschelt“ liegt in der Natur der Sache, nämlich in
der allgemein-gesellschaftlichen Struktur der Leserschaft. Will
der Rheinspaziergänger doch hauptsächlich den Schiffen wehmütig
nachschauen und sich nicht darüber Gedanken machen, wie viel
TEU wie schnell und zu welchem Preis transportiert werden können.
Dabei hat die Binnenschifffahrt mehr zu bieten –auch für die
„breite Masse“. Sie weiß es nur nicht.
Braucht
die deutsche Binnenschifffahrt eine bessere PR?
Öffentlichkeitsarbeit
setzt auf Dialog
Begriffe
wie Kommunikation, Event, Image und PR werden heute inflationär
gebraucht. Auch der Begriff der Öffentlichkeitsarbeit ist
selten genau umrissen. Am Besten klärt man Begriffe, indem man
sagt, was sie nicht beschreiben. So ist Öffentlichkeitsarbeit auf
keinen Fall Werbung. Werbung umschreibt jene marktrelevanten
Bemühungen, die produktbezogen sind, kurzfristig und vor allem
eingleisig, das heißt, vertriebsorientiert. Eingleisig auch
deshalb, weil Interessen (am Produkt) erst einmal geweckt werden
müssen. Öffentlichkeitsarbeit dagegen soll das ganze
Unternehmen kommunizieren, eher mittel- bis langfristig wirken
und - das ist entscheidend – als two-way-traffic
funktionieren. Interessen sollen nicht nur erst geweckt,
sondern bedient werden. Dabei wird davon ausgegangen,
dass in bestimmten „Teil-Öffentlichkeiten“ bereits
Interessen bestehen, auf die die PR-treibende Organisation
reagieren kann. Um den Aspekt der Kommunikation zu betonen,
setzt sich daher in der einschlägigen PR-Literatur immer
mehr der Begriff der „Dialoggruppe“ durch, um von dem eher
ungenauen und zu eingleisigen Begriff der „Zielgruppe“ zu
unterscheiden. Unbestrittenes
Ziel der Öffentlichkeitsarbeit ist Imageaufbau und –pflege.
Als Image bezeichnet man ein objektbezogenes und
mehrdimensionales Gemisch aus Meinungen, Gefühlen und
Wertungen. Klar
ist, dass Öffentlichkeit „sowieso“ statt findet, dass heißt,
ständig Images produziert. Die Frage ist, inwieweit man die öffentliche
Meinung durch veröffentlichte Meinung im Sinne des
Unternehmens beeinflussen kann. Und da wären wir wieder bei dem
Dialogproblem.
Alles
Fachchinesisch beantwortet jedoch nicht die Frage, wer denn nun
die entscheidende Dialoggruppe ist, also, bei welchen Teil-Öffentlichkeiten
sind gleiche/ähnliche Interessen bereits vorhanden, um mit
ihnen in Kommunikation zu treten?
Die Binnenschifffahrt hat
mehrere Dialoggruppen
Für
die Binnenschifffahrt lassen sich mehrere Gruppen
zusammenfassen:
1.
Die Verlader und Spediteure, weil diese zumindest das Interesse
an der effektiven Transportabwicklung teilen.
2.
Die Politik, da dort am Gemeinwohl orientierte Verkehrlösungen
gefunden werden müssen.
3.
Die eigene Branche, da alle das gleiche Interesse an der Stärkung
der Binnenschifffahrt haben müssten, auch wenn sie nicht an
einem Strang ziehen und Konkurrenzen dominieren.
4.
Und eben auch Teile der breiten Öffentlichkeit. Jene zum
Beispiel, die umweltbewusst denken und auch noch in 10 Jahren
die Möglichkeiten des Individualverkehrs auf öffentlichen Straßen
effektiv nutzen möchten. Die breite Öffentlichkeit weiß
jedoch noch viel zu wenig über die Vorteile des Verkehrträgers
Binnenschiff im Kontext von Ökologie und Transportsicherheit
sowie dessen möglichen Beitrag zur Entlastung der deutschen
Strassen. Sie weiß nicht, dass und wie die Binnenschifffahrt
diesem Interesse an Mobilität und Umweltverträglichkeit
entgegenkommen kann. Und wenn sie’s wüsste? Wie die Ökowelle
zeigte, kann der „Druck von unten“ durchaus effektiv auf die
Politik wirken.
Öffentlichkeitsarbeit
in der Deutschen Binnenschifffahrt ist heute hauptsächlich
Vereins- und Verbändearbeit
Wo wird heute überhaupt über die logistischen Leistungen der
deutschen Binnenschifffahrt geredet und wer tut es? Zunächst
sind da die Binnenschifffahrtsverbände BDB und BDS zu nennen.
Der BDB veröffentlicht regelmäßig den News Letter Report
per Email und verteilt den Partikulier-Kurier; der BDS
informiert mit der BischInformation. Neben der
Verbreitung der Verbandsorgane, betreiben die Verbände mit
Presseinformationen klassische Pressearbeit, verfassen eigene
Artikel und informieren damit über den Verband hinaus. Sie
dienen als Ansprechpartner für journalistische Recherchen, sind
Berater von TV- und Hörfunkreportagen über die
Binnenschifffahrt, treten auf Veranstaltungen auf usw.
Zudem ist der BDB Mitherausgeber der Zeitschrift Binnenschifffahrt,
die unter zeitschrift-binnenschifffahrt.de
auch im Netz vertreten ist. Sehr präsent im World Wide Web ist
auch der BDS-nahe Informationsdienst Bonapartner ( bonapart.de
). Auf neutraler Ebene bietet der durch die öffentliche Hand
finanzierte Binnenschiff-Transportsystem bintras.de
Informationen an.
Doch
auch Partikuliersinitiativen wie der Verein Frauen in der
Binnenschifffahrt (FiB)
bemühen sich um Außendarstellung. Der aktive Verein
produziert und verteilt die Zeitschrift „Flaschenpost“ und
betreibt auch eine Homepage (flaschenpost.org).
Sie sind über Vereinsinteressen hinaus sehr am Thema Öffentlichkeitsarbeit
interessiert, waren es doch die Frauen, die während der DSM
2001 zum Thema „Binnenschifffahrt und Öffentlichkeit“
zur Podiumsdiskussion luden.
Auch
einzelne Partikuliere kümmern sich selbst um Darstellung ihrer
Leistungen. Beispielhaft ist die Familie Scheubner, MS
„Jenny“, mit ihrer Website scheubner.de.
Über das
Portal forum-binnenschifffahrt.de
informieren sie zudem jenseits ihrer eigenen
Unternehmensinteressen allgemein zur Binnenschifffahrt.
Und
die Arbeitsgemeinschaft?
Und
da gibt es noch die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen
Binnenschifffahrt (AGDB). Aus dem 100 Mio. Finanzierungsprogramm
für Partikuliere, die im Zuge der Frachtenliberalisierung vom
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnungswesen
freigestellt worden sind, forderte man 6 Mio. für Werbung und
Öffentlichkeitsarbeit. Voraussetzung war die Zusammenarbeit der
Bundesverbände der deutschen Binnenschifffahrt. Das heißt der
BDB, der BDS und später auch die Sektion Deutsche
Binnenschifffahrt der ERSTU ( Europäische Fluß-See-Transport
Union) fanden sich in der Arbeitsgemeinschaft
zusammen, die auch beim SPC (ShortSeeShipping Promotion
Center) Mitglied ist. Mit Hilfe der staatlichen Mittel präsentieren
sich die sonst nicht immer einigen Verbände gemeinsam: Aus dem
Topf wurden u.a. Hochglanz-Broschüren mit dem trefflichen
Slogan „Das Schiff bringt’s“ finanziert. Dazu ein repräsentativer
Messestand, sowie Faltwände, das sogenannte „Info-Mobil“
und POI-Terminals, die flexibel bei Messen, Tagungen und auch
Veranstaltungen mit branchenfremdem Publikum (z. B.
Hafenfeste) eingesetzt werden können. Auch ein
gemeinsamer Internetauftritt binnenschiff.de
wurde geschaffen, der als einziges verbandsübergreifendes
Portal die deutsche Binnenschifffahrt im WWW vertreten soll.
Schade nur, dass die 6 Millionen ausgegeben sind, denn aufgrund
der hohen Unterhaltskosten musste der Messestand dieses Jahr
verkauft werden. Die Website existiert noch, aber wer übernimmt
in Zukunft Kosten und Pflege? Es wäre schade für die Domain binnenschiff.de,
wo sie doch begrifflich so schön zu einem gemeinsamen
Auftritt der deutschen Binnenschifffahrt passen würde.
Binnenschiff
kann was für Jedermann
In
der AGDB wurden erste wichtige Schritte getan. Warum nicht eine
gemeinsame Interessensvertretung dauerhaft institutionalisieren?
Was fehlt ist eine Organisation, die sich kontinuierlich um das
Image derer bemüht,
die mehr Transport aufs Wasser bringen möchten und dabei den
Interessen aller Teil-Öffentlichkeiten gerecht wird.
Annette
Fasse (MdB) schlug bei der o.g. Podiumsdiskussion vor, eine
Kooperation aller binnenschifffahrstaffinen Verbände und
Partikuliersinitativen in Form eines gemeinsamen
Internetauftritts oder eine Marketing-Zentrale zur
gezielten Bündelung von Informationen zu schaffen (nachzulesen
in der Flaschenpost Nr. 4/01). Auch der Europaparlamentarier
Ulrich Stockmann fordert ein „Büro, das ausschließlich für
die Binnenschifffahrt zuständig ist“. In den Niederlanden, Österreich,
Belgien und Frankreich gäbe es gut laufende Büros, die mit
geringem finanziellen Aufwand des Staates große positive
Wirkung auf das Image der Binnenschifffahrt bewirkt hätten (DVZ
vom 13. März 2002).
In
der Tat zeigt der Blick auf die Website des niederländischen
Bureau Voorlichting Binnenvaart (inlandshipping.com)
Erfreuliches. Nach eigenen Angaben habe es seit dem Bestehen des
BVB eine Image-Steigerung der heimischen Binnenschifffahrt um
ein Vielfaches gegeben. Oder die österreichische Donau
Transport Entwicklungsgesellschaft (via-donau.org).
Beide wie auch die flämische Organisation Promotie Binnenvaart
Vlaanderen (binnenvaart.be) werden
von der öffentlichen Hand unterstützt.
Weniger ist mehr
Ein
Büro, das die verschiedenen Aktivitäten bündelt und als
Ansprechpartner für alle Belange dient – von wem sie auch
kommen mögen - wäre
sicher auch für die deutsche Binnenschifffahrt ein möglicher
Weg zur effektiveren und nachhaltigen Wirkung in der Öffentlichkeit.
Anstatt einmalig 6 Mio. für
den „großen Auftritt“ zu investieren, den
langfristig keiner weiter finanzieren kann, wäre eine
kontinuierliche Unterstützung seitens des Staates sinnvoller.
Die immer wieder laut werdende Forderung „mit einer Stimme zu
sprechen“, scheitert oft an den verschieden ausgeprägten
Verbandsinteressen, bzw. auch an den verschiedenen
Unternehmensinteressen von frei fahrenden Partikulieren, die oft
Konkurrenten sind, über genossenschaftlich organisierte bis zu
Reedereien mit ihren an sie gebundenen Schiffsführern. Warum
nicht eine zentrale Stelle, die genau das Interesse vertritt,
das alle gemeinsam haben? Nämlich sich als leistungsfähiger
Verkehrsträger in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Eine (Mit-)Finanzierung
durch die öffentliche Hand schafft nicht nur praktisch, sondern
auch symbolisch eine kollektive Basis, auf der die gemeinsame
und damit stärkere Eigendarstellung vor den Einzelinteressen
der Akteure rangieren kann. Zwar wird der SPC vom BMVBW mit jährlich
DM 300.000 gefördert und soll durch die Mitbeteiligung der AGDB
auch die „nasse“ Transportkette einschließlich der
Schnittstellen ins Hinterland berücksichtigen (siehe Bericht
des BMVBW an den Ausschuss für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
aus 2001). Doch
sicher werden branchenfremde Interessierte eher auf einer
Homepage wie binnenschiff.de eine Darstellung von
binnenschifffahrtsaffinen Informationen vermuten als auf der
SPC-Seite shortseashipping.de. Nicht nur wegen des einprägsamen
Web-Namens wäre eine weitere Finanzierung dieses gemeinsamen
Auftritts sinnvoller angewandt. Neben den repräsentativen Maßnahmen,
wie sie bereits in der AGDB aufgebaut worden sind, könnten darüber
hinaus auch Einzelinitiativen unterstützt werden, die das
„Gemeinsame“ zum Thema haben. Warum zum Beispiel nicht das
eigene Schiff als PR-Fläche für einen gemeinsamen Slogan
nutzen? Dann könnten die beschaulichen und romantischen
Flussimpressionen der Rheinspaziergänger und Donautouristen
durch ein immer wiederkehrendes „Das Schiff bringt’s“ ergänzt
werden.
Und
doch wieder ein bisschen Romantik
Es
gehört zum Glanz der Abenteurer,
Neuland zu entdecken, sich auf Fremdes einzulassen - also
„innovativ und flexibel“ zu sein, um in neuökonomischen
Jargon zu bleiben.
Die
Menschen in der Binnenschifffahrt sind es seit je her gewöhnt,
sich flexibel auf Angebot und Nachfrage, Pegelstände und
Wetterbedingungen einzustellen und dabei Frei- und Arbeitszeiten
den gegebenen Anforderungen ad hoc anzupassen. Ansprüche also,
die heute an den modernen Erwerbstätigen gestellt werden, waren
in der Binnenschifffahrt schon immer Voraussetzung und Bedingung
von Leben und Arbeit. Damit entspricht das alte Klischee vom
„Abenteuer Binnenschifffahrt“ genau jenen neuen
marktwirtschaftlichen Forderungen, an die sich andere Branchen
lange gewöhnen mussten.
Es
ist an der Zeit, dass die Binnenschiffer sich darüber klar
werden, dass sie zum großen Teil den Ansprüchen der modernen
Arbeitswelt bereits entsprechen. Und es wird Zeit, dass die Öffentlichkeit,
ob Politik, Verkehrsbranche oder die „breite Masse“ dies
auch bemerkt.
Lasst
uns also drüber reden!
Annette
Balle
von
der
Forschungsgruppe
GTS/L an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg
Ein Uni-Projekt im Dialog
Genau betrachtet
entsprechen Projekte, die durch die öffentliche Hand
gefördert werden im weitesten Sinne den Forderungen nach two-way-traffic-Kommunikation,
wie sie die Definition von Öffentlichkeitsarbeit fordert. In
dem vom Bund geförderten Projekt eBusi-Net an der Uni
Duisburg (www.ebusi-net.de) ist man bereits im Dialog: Bei
eBusi-Net ist das Dialogregime mit den über 20 im Projekt
eingebundenen Partnern wesentlicher Bestandteil des
Projektdesigns. Zudem wird für die Kommunikation „nach außen“
ein Teil der Mittel für explizite Öffentlichkeitsarbeit
investiert.
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