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Logistiker
ins Steuerhaus? – Argumente für neue Kompetenzen in der
Binnenschifffahrt
Neue
Technologien, veränderte Marktstrukturen, internationale
Verflechtungen und Tendenzen hin zu neuen Qualifikationen prägen
mehr oder weniger eindeutig den allgemeinen Wandel des
Wirtschaftens. Dieser Prozess dominiert zusehends auch den Gütertransportmarkt,
darunter jetzt langsam ebenfalls den der Wassertransporte. Im
Projekt eBusi-Net der Universität Duisburg (www.ebusi-net.de)
mit der Forschungsabsicht, die „Auswirkungen der
elektronischen Medien auf die Chancen der
Inlandwasserverkehre“ herauszufinden, richtet die
Forschungsgruppe GTS/L ihre Aufmerksamkeit darauf,
herauszufinden, wo und wie sich die Innovationen entwickeln und
wie Widerstand und Akzeptanz sich austarieren. Seit langem wird
das Thema Aus- und Weiterbildung hinsichtlich einer an europäischen
Standards ausgerichteten Modernisierung diskutiert. Die Debatten
drängen auf Änderungen bezogen auf Struktur und Inhalte der
Ausbildung: Ausrichtung an Transportarbeit umfassenden Fähigkeiten,
Charakter der heute oft noch
subordinativen Formen und mangelhafte
unternehmerisch-kaufmännische wie technikinnovative
Kenntnisvermittlung. Ein entsprechendes operatives Vermögen
wird zur existenziellen Voraussetzung selbständigen
unternehmerischen Handelns von Partikulieren auf dem Markt,
welche weit überwiegend die Mehrheit deutscher Unternehmen auf
dem Wasser repräsentieren.
Auf
dem international besetzten und von den maßgeblichen
Hafeninstitutionen in Hamburg unterstützten Workshop, der von
6. bis 7. Juni 2002 im Rahmen des BMBF-Projektes eBusi-Net von
der Forschungsgruppe GTS/L der Universität Duisburg durchgeführt
wurde, kristallisierte sich die Frage der Ausbildung und
Qualifikation in der Binnenschifffahrt als ein für ihre zukünftigen
Chancen auf dem Markt in der EU zentrales Thema neuerlich
heraus.
Begleitet
wurde die Debatte, wie schon mehrfach im Zusammenhang öffentlicher
Veranstaltungen im Kontext des Projektes, von der
Auseinandersetzung über Ergebnisse unserer empirischen
Untersuchung über die Nutzung neuer Medien in der
Binnenschifffahrt. Zwar verfügen, der repräsentativen
Telefonbefragung zufolge, 54 % von 310 befragten Binnenschiffern
über Internetzugang und nutzen ihn auch weitgehend
schiffsbezogen (Kölsch, Julia: „Ins Netz gegangen ...“,
Schiffahrt und Technik, Nr. 3/2002, S. 38.) Doch hat sich das
Internet als Arbeitsinstrument in der logistischen
Prozesssteuerung noch
nicht annähernd bewährt. Was ist dran an den Stimmen, die auch
in diesem Kontext die unzeitgemäße Ausbildung der
Binnenschiffer bzw. mangelnde Anreize zur Weiterbildung
beklagen?
In
den meisten anderen Branchen ist aktuell eine Tendenz zum
Entrepreneurship zu beobachten. Das meint eine Entwicklung und
einen Wandel zu unternehmerischer Selbstständigkeit (wie z.B.
die Entlassung aus dem Angestellten-Status). Auf einen ersten
Blick scheinen deshalb Partikuliere prädestiniert, sich in
diesen Prozess vehement einzubinden. Wie sieht es also bei den
selbstständigen Einzelunternehmen in der Binnenschifffahrt aus?
Welchen Beitrag können elektronische Medien in diesem
Zusammenhang leisten?
Sprecher
von Reedereien und Genossenschaften argumentieren überzeugend
(so z.B. beim eBusi-Net Expertenworkshop am 19. Juni 2002, siehe
auch „Spannungsfeld für Partikuliere“, in: DVZ Nr. 76 vom
27.06.2002, S. 3), dass völlig „Freifahrende“ in der Regel
nur mühsam ihre wirtschaftliche Existenz erhalten können. Denn
die Mehrheit der schiffsaffinen Gütertransporte werde heute über
Grossaufträge abgewickelt, die den Kleinstunternehmen
verschlossen blieben. Elektronische Medien könnten – so die
weitere Argumentation - die Eigentätigkeit der Partikuliere z.
B. über Frachtenbörsen unterstützen, allerdings nur, wenn es
sich um Frachten des Spotmarktes handelt.
So
richtig diese Argumentation heute sein mag, eröffnet nicht zukünftig
elektronische Vernetzung bei entsprechender Handhabung doch
erweiterte Möglichkeiten? Es ist das Anliegen unseres
Projektes, die sich eventuell abzeichnenden Chancen zu eruieren,
zunächst damit die Handlungen einschränkender Argumentationen
aufzugreifen und zu überprüfen. Dazu gehört auch, die Frage
zu stellen, welchen Anteil an einer Realisierung dieser Möglichkeiten
eine entsprechende fundierte Qualifikation hat. Dass es sich bei
einer Lösung um mehr als die kaufmännisch-unternehmerischen
Aspekte handelt, liegt nahe. Es ist davon auszugehen, dass auch
wasserseitig gelernt werden muss, den Transportmarkt in seinen
vielfältigen Vernetzungen im Sinne von „Supply-Chain-Management“
zu handhaben. Von den traditionellen Transportentwürfen der
selbständigen Schifffahrt ausgehend, sind die Betrachtungen an
den Möglichkeiten, spezifischen Grenzen und wirtschaftlichen
Vorteilen der Wasserökonomie auszurichten. Aber, und das ist
die Crux der Geschichte, diese Möglichkeiten basieren auf der Fähigkeit,
komplizierte Transportabläufe logistisch überzeugend und
marktaffin gestalten zu können. Dabei ist zu beachten, dass das
immer mobile Schiff als Voraussetzung nur eine Lösung zulässt,
die auch von ihm als Basis ausgehend entwickelt werden kann.
Diese
Problematik muss bei einer Untersuchung der Kategorien
INTERNETCHANCEN und VERNETZUNGEN berücksichtigt werden. Sicher
ist es richtig, diese Möglichkeiten zunächst nach den heutigen
Bedingungen der Schiffsausstattungen und personalen
Voraussetzungen zu beurteilen. Ebenso spricht aber auch nichts
dagegen, zu überprüfen, inwieweit die heute bekannten
Bedingungen eine Umsetzung dieser Möglichkeiten zulassen, oder
was geschehen muss, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Gleiches lässt sich für den zweiten Aspekt des Projektdesigns
sagen, die Folgenabschätzung im Hinblick auf die
Arbeitsbedingungen an Bord. Sie ist ein gleichwertiger Aspekt
des Zukunftsbildes, der Rechtsgestaltung, Qualifikation,
Erfolgsaussichten und damit Positionierung am Markt.
Auf
dem Hamburger Workshop fokussierte das Interesse der Teilnehmer
zunehmend auf eben diese Problematik der Qualifikation von
Berufen in der Binnenschifffahrt. Auslöser war der Vortrag von
Herrn Wolfgang Baars (Unternehmensberatung ACC Team GmbH,
ehemaliger Kapitän auf großer Fahrt). Ein grundlegendes
Problem sei, so Baars, dass Akteure in der Transportbranche, wie
Seeleute, Trucker, Eisenbahner aber auch Speditionskaufleute
zwar alle entlang der logistischen Kette arbeiten, es aber
„keine gemeinsame berufliche und unternehmerische Strategie“
gäbe. Um dem zu begegnen, müsse man, statt für
„Monoberufe“ auszubilden, der Realität von
„Querschnittsberufen“ auch in der Konzeption von
Ausbildungen Rechnung tragen. Die Ausbildung zu Berufen, die zu
einer Berufsfamilie gehören, sollten zusammengefasst werden und
einen gemeinsamen Teil enthalten, in dem Kern- oder
Sockelqualifikationen vermittelt werden. Das heißt in der
Quintessenz: Den Rahmen der generell geforderten Kenntnisse im Gütertransport
zusammen zu fassen und zur breiten Handlungsgrundlage und
eigenständigen Erfahrungsanalyse zu entwickeln, ob nun auf der
Strasse, der Schiene, dem Wasser oder in der Luft, gilt als eine
generelle Voraussetzung eines mobilen, hoch qualifizierten und
marktoffenen Beschäftigungssystems. Die Qualifikation einer
solchen ‚Basislogistik’, umschließt die vorgenannten
Momente generalisierter Kompetenzen und meint Fähigkeiten,
welche aus heutiger Sicht in den kommenden 10 – 20 Jahre
ausschlaggebend sein werden.
Die
Idee gemeinsamer Ausbildungsmodule hat aus unserer Sicht mehrere
Nutzen:
1.
Ein
gemeinsames Wissen transportrelevanter Inhalte auch derjenigen
Akteure, die in der Kette nachfolgend operieren, so wie
der dort relevanten Unternehmensaspekte. Damit werden Berührungsängste
abgebaut, die oftmals aus der Unkenntnis der Partner entstehen.
So wird heute die Binnenschifffahrt zum Beispiel in der
Ausbildung zum/zur Speditionskaufmann/-frau immer noch gern als
wenig leistungsfähig, nur eingeschränkt raumübergreifend und
langsam beschrieben.
2.
Die Vermittlung untereinander abgestimmter IT-Standards
hilft nicht nur in der zunehmend „elektronisch“ werdenden
Kommunikation, sondern eröffnet auch neue Wege und Lösungen
des gemeinsamen Operierens im Supply-Chain-Management mit den
jeweils eigenständigen Leistungsanteilen und ihrer Abstimmung
untereinander.
3.
Die
gemeinsame Arbeit in Ausbildungsstufen kann das Bewusstsein, als
Partner „an und in einer Kette“ zu arbeiten, fördern. Die
logistische Optimierung erfordert, dass alle Beteiligten
einerseits selbstständig, d.h. unternehmerisch handeln,
andererseits die zwingende Notwendigkeit der Partnerschaften
am Markt anerkennen. Gemeinsame Ausbildungsmodule, die eine
Dualität von funktionaler Spezifizierung und Kooperation
berücksichtigen, entsprechen den Anforderungen an den
Logistiker von morgen.
Die
Binnenschifffahrt wird sich heute - und mehr noch in Zukunft -
ihren Transportbeitrag durch unternehmerisches Handeln eigenständig
sichern müssen. Dabei ist aus heutiger Sicht zwar nicht zu
garantieren, dass asynchrone Entwicklungen ausbleiben, die zu
ungleichen Erfolgen am Markt führen. Und dennoch wird nur ein
Ausbildungskonzept, das diesen Realitäten Rechnung trägt und
zum Operieren innerhalb solcher Risiken befähigt, der aktuellen
Unternehmensstruktur der Binnenschifffahrt einen Weg in größere
wirtschaftliche Selbständigkeit weisen.
Annette
Balle, Antje Buer, Prof. Dr. Dankwart Danckwerts, Dr. Julia Kölsch
Erschienen
in: Schiffahrt und Technik, 2002, Nr. 4, S.46-47
Forschungsgruppe
GTS/L
Gerhard-Mercator-Universität
Duisburg
Heinrich-Lersch-Strasse
15
47057
Duisburg
0203-37839-10
info@ebusi-net.de
www.ebusi-net.de
Nächster
eBusi-Net Workshop: 21.-23. September 2002 in Warschau/Szczecin
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